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Wenn Kinder suspendiert werden: Das Problem sind nicht immer die Eltern

In den letzten Jahren zeigt sich eine Entwicklung, die zunehmend Aufmerksamkeit bekommt: Immer mehr Kinder werden bereits im Kindergartenalter aufgrund von Verhaltensauffälligkeiten zeitweise vom Besuch der Einrichtung ausgeschlossen. Was früher eher ein Thema der Schule war, scheint inzwischen auch im Kindergarten anzukommen.



Auch in meiner Praxis als klinische Psychologin lässt sich diese Entwicklung beobachten. Die Zahl der Anfragen zur diagnostischen Abklärung von Kindern im Kindergartenalter ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Häufig steht dahinter eine ähnliche Situation: Ein Kind zeigt Verhaltensweisen, die im Kindergartenalltag als sehr belastend erlebt werden. Pädagoginnen und Pädagogen berichten, dass der Kindergartenalltag stark beeinträchtigt sei und selbst zusätzliche personelle Ressourcen nicht immer ausreichen, um die Situation zu stabilisieren. In manchen Fällen kommt es schließlich zu einem pädagogischen Ausschluss oder einer Suspendierung – verbunden mit der Erwartung, dass eine diagnostische Abklärung erfolgt, bevor das Kind wieder in die Gruppe zurückkehren kann.

Die Berichte der Familien ähneln sich dabei häufig. Es geht um Kinder, die sehr impulsiv reagieren, die sich schwer an Regeln halten können, die rasch überfordert wirken oder sehr starke emotionale Reaktionen zeigen oder körperlich werden. Konflikte mit anderen Kindern treten häufiger auf, und Übergänge oder Anforderungen führen mitunter zu Eskalationen.


Die zentrale Frage ist jedoch:

Was steckt hinter diesem Verhalten?


Welche Ursachen derzeit diskutiert werden


In der öffentlichen Diskussion werden derzeit verschiedene mögliche Ursachen genannt. In einem Artikel in der Kleinen Zeitung (März 2026) wird etwa berichtet, dass im pädagogischen Kontext unter anderem folgende Faktoren diskutiert werden:


  • intensiver Medienkonsum bereits im frühen Kindesalter

  • stark behütende oder sehr unsichere Erziehungsstile

  • familiäre Belastungssituationen

  • gesellschaftliche Veränderungen im Familienalltag


Solche Aspekte können sicherlich eine Rolle spielen. Gleichzeitig zeigt die Erfahrung aus der klinisch-psychologischen Diagnostik, dass Verhaltensauffälligkeiten im frühen Kindesalter häufig komplexere Hintergründe haben.


Immer wieder wird der Medienkonsum als Argument für unterschiedliche Verhaltensweisen angeführt.
Immer wieder wird der Medienkonsum als Argument für unterschiedliche Verhaltensweisen angeführt.

Im Praxisalltag begegnen mir immer wieder Eltern, die bereits mit dem Eindruck zur Abklärung kommen, sie hätten in der Erziehung ihres Kindes grundlegende Fehler gemacht. Dieser Eindruck entsteht manchmal im Umfeld des Kindergartens oder im Rahmen erster fachlicher Einschätzungen.


Dabei stellt sich aus diagnostischer Sicht eine wichtige Frage:

Könnte hinter dem Verhalten auch eine DIAGNOSE stehen?


Wann es sinnvoll ist, genauer hinzuschauen


Kinder entwickeln sich unterschiedlich schnell und unterschiedlich stabil. Gleichzeitig zeigen entwicklungspsychologische Erfahrungen, dass Kinder ohne grundlegende neuropsychologische Auffälligkeiten in der Regel bis zu einem gewissen Grad in der Lage sind, sich an unterschiedliche Situationen und Anforderungen anzupassen – auch dann, wenn die Rahmenbedingungen im Alltag nicht immer optimal sind.


Auffälliges Verhalten kann ein Hinweis auf eine zugrunde liegende Diagnose sein.
Auffälliges Verhalten kann ein Hinweis auf eine zugrunde liegende Diagnose sein.

Wenn Verhaltensauffälligkeiten jedoch sehr ausgeprägt sind und den Alltag im Kindergarten massiv beeinträchtigen, kann es sinnvoll sein, genauer zu prüfen, ob möglicherweise eine Diagnose vorliegt.

In der diagnostischen Praxis zeigen sich dabei immer wieder Hintergründe wie beispielsweise:

  • ADHS

  • Autismus-Spektrum-Störungen

  • Sprachentwicklungsstörungen

  • Entwicklungsverzögerungen


Eine Diagnose bedeutet dabei nicht, ein Kind zu „etikettieren“.

Vielmehr kann sie helfen, bestimmte Verhaltensweisen besser zu verstehen und einzuordnen.


Zwei Beispiele aus der Praxis: ADHS und Autismus-Spektrum-Störungen


Gerade bei Kindern mit ADHS zeigen sich im Kindergarten häufig Verhaltensweisen, die den Gruppenalltag sehr herausfordernd machen können. Kinder mit ADHS haben häufig Schwierigkeiten mit Impulssteuerung, Aufmerksamkeit und Selbstregulation. Sie handeln oft schneller, als sie denken, unterbrechen andere, reagieren impulsiv oder geraten schneller in Konflikte.

Für Außenstehende kann das manchmal wie mangelnde Disziplin oder fehlende Grenzen wirken.


Ein anderes Beispiel ist die Autismus-Spektrum-Störung. Kinder im Autismus-Spektrum nehmen ihre Umwelt häufig anders wahr und verarbeiten soziale Informationen auf eine andere Weise. Veränderungen, unklare Situationen oder soziale Erwartungen können schnell zu Überforderung führen.


Bei Autismus können Reize, Veränderungen und soziale Anforderungen schneller zur Überforderung führen.
Bei Autismus können Reize, Veränderungen und soziale Anforderungen schneller zur Überforderung führen.

Ein besonderes Profil innerhalb des Autismus-Spektrums, das im Alltag häufig missverstanden wird, ist das sogenannte PDA-Profil (Pathological Demand Avoidance). Kinder mit diesem Profil reagieren besonders sensibel auf Anforderungen oder Erwartungen von außen. Selbst alltägliche Aufforderungen – etwa sich anzuziehen, aufzuräumen oder eine Aufgabe zu beginnen – können als massiver Druck erlebt werden.

Die Reaktion darauf ist häufig ein intensives Vermeidungsverhalten. Kinder versuchen dann beispielsweise, Anforderungen zu umgehen, abzulenken, zu verhandeln oder reagieren mit starken emotionalen Ausbrüchen. Für Außenstehende kann das schnell wie Trotz, Opposition oder mangelnde Kooperation wirken. Tatsächlich steht jedoch oft eine sehr hohe Stressreaktion hinter diesem Verhalten.

Klassische pädagogische Strategien wie konsequentes Grenzen setzen oder das verstärkte Einfordern von Kooperation führen in solchen Situationen nicht selten zu noch mehr Eskalation, weil sie den empfundenen Druck weiter erhöhen.

Wenn diese Besonderheiten nicht erkannt werden, entsteht leicht der Eindruck, ein Kind wolle einfach nicht kooperieren.


Diagnostik als Ausgangspunkt für Unterstützung


Eine sorgfältige diagnostische Abklärung kann daher ein wichtiger Schritt sein, um das Verhalten eines Kindes besser zu verstehen.


Klinisch psychologische Diagnostik
Klinisch psychologische Diagnostik

Erst wenn klar ist, welche Ursache oder zugrunde liegendes psychologische Thema gegeben ist, können pädagogische Strategien, therapeutische Maßnahmen und Unterstützungsangebote sinnvoll angepasst werden.

Viele Entwicklungsauffälligkeiten – insbesondere ADHS und Autismus-Spektrum-Störungen – weisen zudem eine hohe genetische Komponente auf. Aus diesem Grund kann es hilfreich sein, auch das Familiensystem genauer zu betrachten. Häufig zeigen sich ähnliche Wahrnehmungs- oder Verarbeitungsweisen bei anderen Familienmitgliedern.

Das bedeutet nicht, nach Schuldigen zu suchen. Vielmehr geht es darum, Dynamiken besser zu verstehen und Unterstützungsstrategien zu entwickeln, die für das gesamte System funktionieren.


Ein Muster, das sich durch verschiedene Systeme zieht


Diese Beobachtung, dass zunächst vor allem Erziehungsfaktoren im Vordergrund stehen, beschränkt sich nicht nur auf den Kindergarten. Ähnliche Dynamiken lassen sich auch in anderen Bereichen erkennen, etwa in der Schule, in familienunterstützenden Hilfen sowie in der ambulanten und stationären Jugendhilfe. Nicht selten erfolgt eine umfassendere diagnostische Abklärung erst relativ spät im Verlauf.



Dabei könnte ein früheres genaues Hinsehen in vielen Fällen helfen, Belastungen für Kinder, Eltern und Betreuungseinrichtungen zu reduzieren.


Eine andere Perspektive auf herausforderndes Verhalten


Wenn Kinder im Kindergarten so stark auffallen, dass ein Ausschluss aus der Gruppe notwendig erscheint, stellt sich daher eine wichtige Frage:


Haben wir bereits ausreichend verstanden, welche Faktoren hinter dem Verhalten stehen?


Neben pädagogischen und familiären Einflüssen können auch Diagnosen eine Rolle spielen, den Ursprung erklären oder die Basis für Verhaltensauffälligkeiten bilden. Eine sorgfältige Diagnostik kann dabei helfen, diese Zusammenhänge sichtbar zu machen.

Und manchmal ist genau dieses Verständnis der erste Schritt, um neue Lösungen zu finden – für das Kind, für die Familie und auch für die pädagogischen Einrichtungen.


Fotos Canva

 
 
 

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