Frühzeichen von Autismus im Säuglings- und Kleinkindalter
Eltern fragen sich, ab welchem Alter man eigentlich erkennen kann, ob ein Kind autistisch sein könnte. Kann man das schon bei einem Baby sehen oder wird Autismus erst später auffällig?

Tatsächlich können sich erste Besonderheiten bereits im ersten Lebensjahr zeigen. Meist gibt es aber nicht das eine eindeutige Zeichen, bei dem man sofort sagen kann: Das ist Autismus. Viel häufiger sind es mehrere kleine Dinge, die auffallen – und manches wird Eltern überhaupt erst rückblickend bewusst, wenn das Kind schon älter ist.
Ein einzelnes Frühzeichen bedeutet deshalb noch keinen Autismus. Ein Baby, das wenig Blickkontakt hält, muss nicht autistisch sein, genauso wenig wie ein Kind, das später zu sprechen beginnt oder seine Spielsachen gerne sortiert. Interessant wird es vor allem dann, wenn mehrere Auffälligkeiten zusammenkommen, sich über längere Zeit zeigen und verschiedene Bereiche der Entwicklung betreffen.
Was kann schon im ersten Lebensjahr auffallen?
Bei manchen Kindern fällt schon als Baby auf, dass sie weniger Blickkontakt aufnehmen. Sie schauen ihre Eltern vielleicht durchaus an, aber der Blick wird weniger dazu verwendet, Kontakt aufzunehmen oder ein kleines soziales Hin und Her entstehen zu lassen. Auch das soziale Lächeln kann weniger ausgeprägt sein. Normalerweise entwickelt sich mit einem Baby irgendwann dieses schöne Wechselspiel: Ich lächle das Baby an und das Baby lächelt zurück. Manche Eltern erzählen später, dass ihr Kind als Baby eher ernst gewirkt oder nur selten zurückgelächelt hat.
Ähnlich ist es beim Lautieren. Dabei geht es gar nicht nur darum, ob ein Baby brabbelt oder Geräusche macht, sondern darum, ob es diese Laute auch in den Kontakt mit anderen Menschen einbezieht. Mama oder Papa spricht mit dem Baby, das Baby reagiert mit einem Laut, wartet vielleicht kurz und „antwortet“ wieder. Es entsteht so etwas wie ein erstes kleines wechselseitiges Gespräch, lange bevor das Kind überhaupt sprechen kann. Bei manchen Kindern, die später eine Autismusdiagnose erhalten, ist dieses Hin und Her, die wechselseitige Kommunikation weniger ausgeprägt.

Auch die Reaktion auf den eigenen Namen kann im Verlauf des ersten Lebensjahres auffallen. Eltern erzählen manchmal, dass sie ihr Kind immer wieder gerufen haben und häufig keine Reaktion kam. Teilweise entsteht zunächst sogar die Vermutung, das Kind könnte nicht gut hören. Natürlich reagiert kein Baby jedes Mal sofort, wenn es angesprochen wird. Wenn dies aber sehr häufig vorkommt und gleichzeitig noch andere Besonderheiten in der sozialen Entwicklung bestehen, sollte man genauer hinschauen.
Zeigen, schauen und etwas miteinander teilen
Gegen Ende des ersten Lebensjahres und im weiteren Verlauf wird ein Bereich zunehmend interessant, der in der Fachsprache gemeinsame oder geteilte Aufmerksamkeit genannt wird. Gemeint ist damit eigentlich etwas ganz Alltägliches: Ein Kind entdeckt etwas und möchte dieses Erlebnis mit einem anderen Menschen teilen.
Draußen fährt zum Beispiel ein großer Traktor vorbei. Das Kind sieht ihn, schaut zur Mama, vielleicht wieder zum Traktor und versucht, ihre Aufmerksamkeit darauf zu lenken. Es kann noch nicht sagen: „Mama, schau einmal!“, aber genau das teilt es über seinen Blick oder später über eine Geste mit.
Auch das Zeigen gehört dazu. Dabei lohnt es sich, genauer hinzuschauen, warum ein Kind auf etwas zeigt. Es kann auf die Keksdose zeigen, weil es einen Keks haben möchte. Es kann aber auch auf einen Hund zeigen, der gerade vorbeiläuft, und danach Mama oder Papa anschauen. Dann möchte es nichts bekommen, sondern einfach etwas Interessantes mit jemand anderem teilen. Gerade dieses Zeigen, um Interesse zu teilen, kann bei autistischen Kindern weniger ausgeprägt sein.

Auch andere Gesten entwickeln sich zunehmend. Kinder beginnen beispielsweise zu winken, die Arme auszustrecken, wenn sie hochgenommen werden möchten, oder Gesten zu verwenden, um etwas mitzuteilen. Wenn solche Gesten kaum eingesetzt werden und gleichzeitig auch Blickkontakt und gemeinsame Aufmerksamkeit wenig ausgeprägt sind, ergibt sich bereits ein anderes Bild, als wenn lediglich eine einzelne dieser Fähigkeiten etwas später kommt.
Zwischen einem Jahr und eineinhalb Jahren
Im zweiten Lebensjahr wird meist immer deutlicher, wie ein Kind mit anderen Menschen kommuniziert. Natürlich spielt jetzt auch die Sprache eine größere Rolle. Als mögliches Zeichen wird beschrieben, wenn ein Kind mit 16 Monaten noch keine einzelnen Wörter spricht. Eine verzögerte Sprachentwicklung alleine bedeutet aber noch keinen Autismus.
Gerade dann schaue ich mir auch an, wie das Kind ohne Sprache kommuniziert. Sucht es den Blick der Eltern, wenn es etwas möchte? Zeigt es? Verwendet es Gesten? Bringt es Mama oder Papa Dinge, einfach um sie ihnen zu zeigen? Versucht es, die Aufmerksamkeit anderer auf etwas zu lenken? Ein Kind, das noch keine Wörter verwendet, aber mit Händen und Füßen kommuniziert, Blickkontakt sucht und seinen Eltern ständig etwas zeigen möchte, zeigt ein anderes Entwicklungsbild als ein Kind, bei dem Sprache, Gesten, Blickkontakt und soziale Bezugnahme gleichzeitig wenig vorhanden sind.
Zwischen eineinhalb und zwei Jahren
Mit zunehmendem Alter wird auch das Spielverhalten interessanter. Zunächst entwickelt sich das funktionale Spiel weiter: Ein Kind verwendet beispielsweise ein Spielzeugauto entsprechend seiner Funktion und lässt es über den Boden fahren. Im weiteren Verlauf entstehen zunehmend Formen des Als-ob- bzw. Symbolspiels. Das Kind tut beispielsweise so, als würde es eine Puppe füttern, gibt dem Stofftier etwas zu trinken oder hält sich einen Gegenstand ans Ohr und tut so, als würde es telefonieren.
Bei manchen autistischen Kindern kann sich das funktionale Spiel und später auch das Als-ob-, Fantasie- oder Rollenspiel weniger vielfältig oder anders entwickeln. Stattdessen kann auffallen, dass sich das Kind sehr intensiv mit einzelnen Gegenständen oder bestimmten Eigenschaften eines Gegenstandes beschäftigt. Ein bekanntes Beispiel ist das Spielzeugauto: Das Kind fährt damit vielleicht kaum durch das Zimmer, sondern dreht immer wieder die Räder und betrachtet sie sehr genau. Andere Kinder stellen Gegenstände immer wieder in einer bestimmten Reihenfolge auf, sortieren ihre Kuscheltiere nach Größe oder beschäftigen sich lange mit einzelnen Teilen eines Spielzeugs.

Natürlich darf ein Kind seine Autos aufreihen oder seine Kuscheltiere sortieren. Das machen auch viele Kinder ohne Autismus. Interessanter wird ein solches Verhalten, wenn es sehr intensiv, häufig oder starr auftritt, einen großen Teil des Spiels ausmacht und gleichzeitig weitere Auffälligkeiten vorhanden sind.
Rund um den zweiten Geburtstag
Mit etwa 24 Monaten wird auch die weitere Sprachentwicklung wichtig. Als mögliches Zeichen gilt, wenn ein Kind noch keine spontanen kommunikativen Zweiwortverbindungen verwendet. Gemeint sind einfache, selbst verwendete Kombinationen wie „Mama komm“, „mehr Saft“ oder „Papa Auto“ und nicht zwei Wörter, die lediglich irgendwo gehört und nachgesprochen werden.
In diesem Alter kann außerdem deutlicher werden, wie ein Kind mit Veränderungen und Routinen zurechtkommt. Natürlich lieben viele Zweijährige ihre gewohnten Abläufe und können ausgesprochen unzufrieden werden, wenn etwas plötzlich anders läuft. Bei manchen Kindern ist dieses Bedürfnis nach Gleichbleibendem aber wesentlich stärker ausgeprägt. Ein bestimmter Weg muss immer gleich gegangen werden, Dinge müssen an ihrem gewohnten Platz bleiben oder ein Ablauf muss genau so stattfinden wie sonst. Schon kleine Veränderungen können dann zu sehr starken Reaktionen führen.
Ab zwei bis drei Jahren
Auch das Interesse an anderen Kindern lässt sich jetzt zunehmend besser beurteilen. Bei einem Säugling würde ich ein vermeintlich fehlendes Interesse an Gleichaltrigen noch nicht als sinnvolles einzelnes Frühzeichen heranziehen. Im Kleinkindalter wird dagegen immer besser sichtbar, ob ein Kind andere Kinder beobachtet, ihre Nähe sucht, sich dafür interessiert, was sie machen, oder versucht, sich an ihrem Spiel zu beteiligen.

Manche autistischen Kinder beschäftigen sich sehr viel für sich und scheinen wenig Interesse an anderen Kindern zu haben. Man muss dabei aber genauer hinschauen. Es gibt durchaus autistische Kinder, die sehr gerne Kontakt hätten, aber nicht recht wissen, wie sie ihn aufnehmen sollen. Sie stehen vielleicht neben den anderen Kindern, beobachten sie lange oder versuchen auf eine Art mitzuspielen, die von den anderen nicht verstanden wird. „Spielt meistens alleine“ bedeutet deshalb nicht automatisch, dass kein Interesse an anderen Menschen vorhanden ist. Auch Fantasie- und Rollenspiele werden in diesem Alter komplexer und können nun besser beurteilt werden.
Geräusche, Berührungen und andere Sinneseindrücke
Sensorische Besonderheiten können ebenfalls schon früh auffallen und lassen sich nicht so eindeutig einer bestimmten Altersstufe zuordnen. Manche Kinder reagieren beispielsweise sehr empfindlich auf Geräusche, Berührungen, Gerüche, bestimmte Stoffe, Licht oder andere Sinneseindrücke. Der Staubsauger, der Föhn oder eine Kaffeemaschine können kaum ausgehalten werden. Andere Kinder tolerieren bestimmte Kleidungsstücke oder Materialien auf der Haut schlecht. Haarewaschen, Zähneputzen oder bestimmte Konsistenzen beim Essen können zu einem großen Thema werden.

Es gibt aber auch die andere Richtung. Manche Kinder suchen bestimmte Reize besonders stark, beobachten lange Dinge, die sich drehen, suchen bestimmte Bewegungen oder beschäftigen sich intensiv mit Licht und visuellen Effekten. Auch solche Besonderheiten alleine bedeuten noch keinen Autismus. Gemeinsam mit anderen Auffälligkeiten können sie aber ein weiterer Teil des Entwicklungsbildes sein.
Wenn Wörter oder andere Fähigkeiten wieder verschwinden
Besonders aufmerksam sollte man werden, wenn ein Kind etwas bereits konnte und diese Fähigkeit wieder verliert. Manche Eltern erzählen beispielsweise, dass ihr Kind schon einzelne Wörter wie „Mama“, „Papa“ oder „Auto“ gesagt hat. Die Wörter wurden eine Zeit lang verwendet, dann immer seltener und irgendwann gar nicht mehr.
Manchmal betrifft es nicht nur die Sprache. Eltern berichten vielleicht, dass ihr Kind früher häufiger geschaut, schon gewinkt oder gezeigt hat und dies später wieder weniger wurde. Manche beschreiben auch ganz allgemein das Gefühl, dass ihr Kind früher stärker auf sie reagiert oder mehr Kontakt gesucht habe. Ein solcher Verlust bereits vorhandener sprachlicher oder sozialer Fähigkeiten sollte immer fachlich abgeklärt werden.
Wie sicher kann man Autismus bei einem sehr jungen Kind diagnostizieren?
Gerade bei sehr jungen Kindern ist mir wichtig, mit einer Diagnose sorgfältig umzugehen. Wenn bereits in den ersten Lebensjahren eine Autismusdiagnostik durchgeführt wird, würde ich mich nicht auf eine einzelne Untersuchung oder eine einzelne Beobachtung verlassen.
Meist gibt es zu diesem Zeitpunkt bereits eine Vorgeschichte mit Beobachtungen oder Entwicklungsauffälligkeiten. Vielleicht sind den Eltern schon länger bestimmte Besonderheiten aufgefallen, vielleicht hat auch der Kinderarzt darauf hingewiesen oder das Kind war bereits bei einem Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Häufig kommen Beobachtungen aus der Kinderkrippe oder dem Kindergarten hinzu. Wenn bereits Frühförderung, Logopädie oder Ergotherapie stattfindet, sind auch diese Rückmeldungen sehr hilfreich.

Gerade bei kleinen Kindern sind solche Informationen besonders wertvoll, weil sie sich in einer Untersuchung ganz anders zeigen können als zu Hause. Ein Zweijähriger kann beim Termin müde sein, die neue Umgebung besonders spannend finden, zunächst sehr zurückhaltend sein oder von der Situation überfordert sein. Eine einzelne Untersuchung ist deshalb immer nur ein Ausschnitt. Mich interessiert daher nicht nur, wie sich ein Kind während der Diagnostik verhält, sondern auch: Was beobachten die Eltern zu Hause? Was sehen die Pädagogen in der Kinderkrippe oder im Kindergarten? Was ist dem Kinderarzt oder Facharzt aufgefallen? Und wie hat sich das Kind über die vergangenen Monate entwickelt?
Wenn das Bild bei einem sehr jungen Kind noch nicht eindeutig ist, kann es sinnvoll sein, zunächst einen Verdacht festzuhalten, die weitere Entwicklung zu beobachten und das Kind nach einiger Zeit erneut zu beurteilen.
Das bedeutet aber nicht, dass Autismus in diesem Alter grundsätzlich noch nicht sicher diagnostiziert werden kann. Bei einem eindeutigen Entwicklungsbild kann eine Diagnose durchaus bereits im Kleinkindalter gestellt werden und sinnvoll sein, damit eine optimale Förderung und Beratung beginnen kann.
Gerade bei sehr jungen Kindern kann es aber auch Situationen geben, in denen das Entwicklungsbild noch nicht eindeutig genug ist. Einige Monate später können manche Auffälligkeiten deutlicher werden, während sich andere im Entwicklungsverlauf relativieren. Ein Beobachtungszeitraum mit einer erneuten Beurteilung kann dann helfen, die diagnostische Einschätzung besser abzusichern.
Das bedeutet aber auch nicht, dass man bei deutlichen Auffälligkeiten einfach abwarten sollte. Wenn mehrere typische Merkmale zusammenkommen, deutliche Entwicklungsbesonderheiten bestehen oder ein Kind bereits erworbene Fähigkeiten wieder verliert, sollte eine weiterführende Abklärung zeitnah erfolgen.

Nicht jedes ruhige Baby und nicht jeder Late Talker ist autistisch
Bei einem Artikel über Frühzeichen passiert natürlich schnell etwas: Eltern lesen die einzelnen Punkte und entdecken plötzlich bei ihrem eigenen Kind mehrere davon. Deshalb ist mir zum Schluss noch einmal wichtig zu betonen, dass keines dieser Merkmale für sich alleine Autismus bedeutet. Ein Kind kann wenig Blickkontakt halten und trotzdem nicht autistisch sein. Ein Kind kann mit 16 Monaten noch nicht sprechen und später völlig unauffällig Sprache entwickeln. Ein Zweijähriger darf Veränderungen schrecklich finden und ein Kind darf seine Autos in einer Reihe aufstellen.
Bei einer diagnostischen Abklärung geht es deshalb nicht darum, möglichst viele einzelne „Autismuszeichen“ abzuhaken. Viel wichtiger ist die Entwicklung des Kindes als Ganzes. Wie war das Kind als Baby? Wie entwickelte sich der Blickkontakt? Gab es ein soziales Lächeln? Hat es auf seinen Namen reagiert? Hat es gezeigt und gewinkt? Hat es Dinge gebracht, einfach um sie Mama oder Papa zu zeigen? Wie hat es kommuniziert, bevor es sprechen konnte? Wann kamen die ersten Wörter? Wie entwickelte sich das Spielen? Wie geht es mit Veränderungen um? Gibt es besondere Reaktionen auf Sinnesreize? Und gab es vielleicht Fähigkeiten, die schon vorhanden waren und später wieder verschwunden sind?
Oft ist es eben nicht das eine große Zeichen, das entscheidend ist. Es sind viele kleine Beobachtungen, die sich über die ersten Lebensjahre hinweg zu einem Bild zusammensetzen. Genau deshalb ist bei sehr jungen Kindern nicht nur eine Momentaufnahme wichtig, sondern vor allem der Blick auf ihre bisherige Entwicklung.
Quellen: Österreichische Autistenhilfe: Früherkennung von Autismus
American Academy of Pediatrics (AAP): Identification, Evaluation, and Management of Children With Autism Spectrum Disorder
NICE Guideline CG128: Autism spectrum disorder in under 19s: recognition, referral and diagnosis
Bildhinweis: Die verwendeten Illustrationsbilder wurden KI-generiert



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